Kampfgruppe Langkeit

 im Kampfraum ostwärts der Oder *

 

Kontakt mit ehemaliger Soldaten der Kampfgruppe Langkeit und Zeitzeugen wird dringend gesucht

 

Aufbau - Gliederung - Einsatz

Jene nächtliche Zusammenkunft der Kommandeure der Pz.Gren.-Ersatz-Brigade GD am 26. Januar 1945 in Cottbus brachte die Bekannt­gabe der Aufstellung der "Kampfgruppe Langkeit" aus allen Teilen der Brigade. Zu ihr sollte auch der bereits bei Forst stehender "Alarmverband Schmelter" unter Führung von Major Petereit wieder zurückgeholt und als Grundstock dieser eiligen Aufstellung verwendet werden.

Das Stichwort „Gneisenau a“ für die alarmmäßige Zusammenstellung von Kampfgruppen — entsprechend „Gneisenau b“ für den Standort Guben — galt sicher nicht allein der Errichtung einer Alarmeinheit, sondern wohl auch dem Zusammenziehen aller erreichbaren Einheiten für den besonderen Zweck der Verteidigung an der Oder im Falle der Annäherung des Feindes. So entstand nicht nur der "Alarmverband Schmelter" unter diesem Stichwort, sondern auch die "Kampfgruppe Gersdorf", die "Kampfgruppe Langkeit", die "Alarm-Brigade GD" u.a.m. Die Aufstellung der "Kampfgruppe Langkeit" aus der personell verhältnismäßig starken "Pz.Gren.-Ersatz-Brigade GD" mit ihren Stand­orten Cottbus und Guben nimmt ihren Anfang am 26. Januar 1945. Sie beruht letztlich auch auf der Erkenntnis, dass eine starke Kampfgruppe in Abwehr und Verteidigung mehr leisten würde als mehrere kleinere mit ungenügender Ausrüstung und mangelhafter Versorgung. — Die Lage an der Front im Osten — soweit man hinsichtlich ihres Zusammenhanges von einer solchen sprechen kann — zeigt das Bild unentwegt vordringender Armeen der sowjetischen 1. Weißruß. Front unter Schukow südlich Posen vorbei in gerader Linie auf Frankfurt, zur Oder zu, um diese vor den zerschlagenen und un­geordnet zurückflutenden deutschen Verbänden zu gewinnen, mehrere große Brückenköpfe zu schlagen und aus diesen heraus dann die entscheidende Schlacht um die Reichshauptstadt zu eröffnen.

Von deutscher Seite her setzt man alle Hoffnung auf die Tirschtiegel­Stellung, die sich in ihrem Verlauf an die Seen-Kette von Kopnitz über Bentschen — Tirschtiegel-Zetsche nach Norden bis an die Netze, südwestlich Driesen anlehnt und in aller Eile durch Bunker, Feldstellungen, Panzergräben u. ä. in verteidigungsfähigen Zustand versetzt worden ist. Eine zweite Stellung ist in ähnlicher Anlage westlich Schwiebus, westlich Meseritz, westlich Schwerin im Ausbau begriffe. Doch was nutzen Stellungen und Verteidigungsanlagen, wenn die entsprechenden Besatzungen fehlen?  Wohl sind einige örtliche Alarm und Volkssturmeinheiten vorhanden, die bei mangelnder Bewaffnung und nur geringem Kampfgeist in diesen Stellungen Wache schieben. Aber ihr Kampfwert?  Was sind sie gegen Schukows Armeen mit Stalin-Panzern, Sturmgeschützen, Stalinorgeln und Massen sowjetischer Infanterie?

Mit allen Mitteln führt die Oberste deutsche militärische Führung aus dem Boden gestampfte Einheiten in diese Abwehrlinie, rafft Stäbe zunächst ohne Truppen zusammen und versucht in letzter Minute - und doch zu spät  in dieser Linie eine neue Verteidigung zu organisieren. Für sie ist auch die "Kampfgruppe Langkeit" vorgesehen; das entsprechende Aufstellungstempo wird seitens der Kommandostellen auf das äußerste gesteigert. So geht es in Cottbus wie in einem Bienenhaus zu. Oberst Langkeit, seit dem 1. November 1944 Kommandeur der Pz-Gren.-Ersatz-Brigade, ein alter Panzerführer und Ritterkreuzträger, erlässt die entsprechenden Befehle; Major i. G. Spaeter, gerade von der Kriegs-Akademie nach Cottbus zurückgekehrt und dort auf seine neue Verwendung wartend, übernimmt die Geschäfte des ‚Ersten Generalstabsoffiziers‘, sucht sich entsprechende Offiziere und Männer für einen kleinen Stab und betreibt die Aufstellungsarbeiten. Dies sieht zunächst ganz einfach aus, zumal die Brigade schon seit Monaten in ihrer Gliederung den möglichen Einsatz von Kampfgruppen für die Front vorge­sehen hatte.

Das "Pz.Gren.Ers.- u. Ausb.rgt. GD" findet in dem zurückkehrenden "Alarmverband Schmelter" sehr schnell den Grundstock zur Bildung des 1. Btl./Pz.Gren.Rgt.  mit etwa 4 - 5 Kompanien, das unter Führung von Major Petereit gestellt wird. Mit seiner Adjutant, Oblt. Wechmann, stellt er schnell 3 Schtz.-Kompanien und eine MG.-Kompanie zusammen, vornehmlich aus jungen Rekruten mit alten Ausbildern und damit erfahrenen Führern und Unterführern. Mit Fahrzeugen der verschie­densten Typen kann der Verband eben noch fahrbereit gemacht werden.

Das II. Btl./Pz.Gren.Rgt. entsteht unter dem Befehl von Major Schöttler, Adj. Lt. Neher, mit der 6. —8. Schtz.Kp. , 9. (MG.) und 10. (Gr.We.) Kp., dessen Personal teilweise aus den Marsch-Kompanien, aus Genesenden, bei der 7. Kp. vornehmlich aus Versprengten, die in Cottbus aus den Zügen herausgeholt waren, zusammengestellt wird. Die Unterführer stellen zumeist die Brigade. Die Fahrzeuge sind überwiegend Opel-Blitz­Funkwagen, deren Holzgaser-Motoren teilweise noch umgewechselt werden müssen.

Die Artillerie - zunächst eine Abteilung - wird in Guben bei der "Pz.Art.Ers.- und Ausb.Abt. GD" aufgestellt. Niemand weiß aber zu­nächst, ob dies für das "Pzanzer-Korps Groβdeutschland", die "Kampfgruppe Langkeit" oder für die "Führer-Begleit-Division" geschieht. Die um diese Zeit zahlreich einlaufenden Aufstellungsbefehle für verschiedene GD-Einheiten werden immer wieder abgeändert.

Unter Führung von Major Hammerich entsteht ein Art.Rgt.-Stab mit Teilen Nachr.-Zug, Adj. Oblt. Mahnke; dann ein Abteilungsstab unter Führung Hptm. Buboltz, bis dahin Chef 1. (schw.) Art.Ers. u. Ausb.Abt.GD, mit Lt. Vogel als Adjutant.

Lt. Rolke stellt dazu eine schw. Batterie mit 2 s.FH. aus Uffz. und Mannschaften der 1. Batterie zusammen, Lt. Esslinger eine Batterie l.FH. mit Uffz. und Mannschaften aus der 4. Batterie und Oblt. Künkel eine l. Fla-Batterie mit 4 Einlingen 2 cm, 4 Zwillingen 2 cm, 4 Einlingen 3,7 cm auf Zugmaschinen. Weiter entsteht in Quben aus der 3. (Stu. Gesch.) Batterie so etwas wie eine Sturmgeschütz-Brigade, die unter die Führung eines Oberleutnants gestellt wird. Wenn auch die Zugmaschinen aus dem Fahrzeugpark der Pz.Art.Ers. u. Ausb.Abt. entnommen werden können, so fehlen doch jegliche anderen Fahrzeuge. Die müssen vom Zivil beschlagnahmt werden.

Für das Pz.Gren.Rgt. wird zunächst Obstlt. Klüver als Kommandeur eingesetzt, der sich auch um die Aufstellung der Regimentskompanien kümmert. So die 11. (IG.) Kp. als schwere Inf.-Waffe in der Hand des Rgt.-Kommandeurs unter Führung von Lt. Dahlinger, Zugführer Lt. Promalo, Ofeldw. Fey, usw. Die Kompanie setzt sich aus l.IG. und s.IG. zusammen, im Mot.-Zug, alte Hasen in den wichtigsten Funktionen, daneben junge Rekruten.  

An Panzern wird alles das aus den Fahrzeughallen herausgeholt, was sich an Ausbildungsfahrzeugen der Pz.Ers. u. Ausb.Abt. GD in Cottbus noch findet: holzgasbetriebene Panzer, teilweise ohne Turm, ohne Geschütze, die nichts haben als ihre Panzerung. Major Hudel, derzeitig Kdr. der Ausb.-Abteilung, ebenfalls erfahrener Panzer-Kommandeur, stellt sich einen verwegenen Panzerhaufen zusammen, der sich anfangs etwa so gliedert:

 
Kampfgruppe Langkeit

 

Gliederung

 

 

 

 

 

Kommandeur: Oberst Willy Langkeit

 

 

 

 

 

 

Stab:

1a: Major i.G. Spaeter

 

 

 

 

 

 

 

 

Panzerkampfgruppe Hudel

 

 

 

 

 

Gliederung

 

 

 

 

 

Kommandeur: Major Hudel

 

 

 

 

 

Kampfstab mit Nachrichtenzug

 

 

 

 

 

 

Panzerkompanie

Ursprünglich mit nur 8 Schulpanzer I (ohne Turm), Typ II, und ?

 

 

 

Panzerspähzug

 

 

 

1.

Panzervernichtungstrupp (Panzerschreck)

 

 

 

2.

Panzervernichtungstrupp (Panzerschreck)

 

 

 

3.

Panzervernichtungstrupp (Panzerfaust)

 

 

 

4.

Panzervernichtungstrupp (Panzerfaust)

 

 

 

 

Panzerjägerkompanie

 

 

 

 

Kradschützenkompanie

 

 

 

 

Versorgungs- und Werkstatteile.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Panzeraufklärungsabteilung (verstärkt)

 

 

 

 

 

 

Panzergrenadierregiment

- (entstand bis zum 31. Januar 1945)

 

 

 

Gliederung

 

 

 

 

 

Kommandeur: Obstlt. Klüver

 

 

 

 

 

Stab

 

 

 

 

I. Bataillon

 

(Grundstock war Alarmverband Schmelter)

 

Kommandeur: Major Petereit - Adjutant: Oberleutnant Wechmann

 

 

1.

Schützenkompanie

 

 

 

2.

Schützenkompanie

 

 

 

3.

Schützenkompanie

 

 

 

4.

MG-Kompanie

 

 

 

5.

Granatwerferkompani

 

 

 

 

 

 

 

II. Bataillon

 

(entstand aus Marscheinheiten,  Genesenden und Versprengter)

 

 

Kommandeur: Major Schöttler - Adjutant: Leutnant Neher

 

 

 

6.

Schützenkompanie

 

 

 

7.

Schützenkompanie

 

 

 

8.

Schützenkompanie

 

 

 

9.

MG-Kompanie

 

 

 

10.

Granatwerferkompani

 

 

 

 

 

 

 

11. Infanteriegeschütz-Kompanie  (Leutnant Dahlinger)

 

 

 

 

12. Pionier-Kompanie

 

 

 

 

 

 

 

 

Panzeraufklärungsabteilung

(verstärkt)

 

 

 

 

 

 

 

 

Artillerieabteilung

 

 

(aus der Panzerartillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung „Großdeuschland“) 

 

Gliederung

 

 

 

 

 

Regimentskommandeur: Major Hammerich - Adjutant Oberleutnant Mahnke

Art.Rgt.-Stab mit Teilen Nachr.-Zug

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abteilungsstab Hauptmann Buboltz - Adjudant: Leutnant Vogel

 

Hauptmann Buboltz - Adjudant: Leutnant Vogel

 

 

 

 

 

 

 

 

1.

schwere Batterie (2  Feldhaubitz - 15 cm )

Leutnant Rolke

 

 

2.

leichte Batterie (4 leichte Feldhaubitz -10,5 cm)

 

 

 

3.

leichte Flakbatterie (4  Solo-Flak - 2 cm, 4 Zwillingsflak – 2 cm,    4 Soloflak - 3,7 cm - auf Zugmaschinen)

Oberleutnant Künkel

 

 

 

 

 

 

Das war im Anfang alles.

Als die erste Einheit dieser Kampfgruppe in der Nacht 26. /27. Januar 1945  es ist das 1. Btl./Pz.Gren.Rgt. mit Major Petereit - vorweg nach Frankfurt abmarschiert, ist es in der Tat mehr ein Haufen als ein geschlossener Verband. Doch sind Stimmung und Moral der Männer hervorragend; alle sind gewillt, sich auch im Kampf gegen eine Übermacht voll einzusetzen.

Major Hammerich erfährt in Frankfurt, dass er mit seinen Teilen der Kampfgruppe Langkeit unterstellt sei, und zieht von Guben her die Abt. Buboltz zunächst bis Frankfurt-Ostteil nach. Noch in der Nacht zum 29. Januar geht die Batterie Rolke mit Batterie-Trupp weiter vor bis Neuendorf die Zugmaschinen folgen durch Schnee und über vereiste Wege.

Ziel für alle ist zunächst Frankfurt a.d. Oder, wo sie neue Befehle über ihren Einsatz erhalten sollen. Oberst Langkeit, mit Major i. G. Spaeter bereits vorausgefahren, erfährt dort seinen ersten Auftrag:  

„Kampfgruppe Langkeit versammelt in und um Reppen, greift den nach NO in Richtung Stettin vorgehenden Gegner in der tiefen Flanke an und gewinnt die Tierschtiegel-Stellung bei Zielenzig“.  

 

Sofort verlegt der Kampfgruppen-Stab weiter nach Neuendorf - Guts­hof und schlägt zunächst dort seinen Gefechtsstand auf. Im übrigen werden Erkundigungen über die Lage, den Standpunkt anderer Einheiten und vor allem über Feindbewegungen eingeholt.

 In der Nacht zum 31. Januar erreichte die Einheiten, teils im Landmarsch, teils im Bahntransport über Frankfurt a.d. Oder in Aufstellungsraum Reppen – Polenzig – Großrade – Leißow – Gut Kunersdorf,  und nimmt nach und nach Verbindung mit dem Kampfgruppenstab auf.

Von der Feindlage ist am 30. Januar 1945 besonders für den Raum Reppen - Sternberg nicht viel bekannt. Man hört nur von zurück­flutenden Flüchtlingen, die aus Richtung Schwiebus kommen, dass Feind mit zahlreichen Panzern im Vormarsch sei, einzelne deutsche Kampfgruppen vor sich hertreibend, während sich Volkssturmbataillone noch in einzelnen Orten abseits der Vormarschrichtungen der Sowjets hielten. Im übrigen seien unzählige Fahrzeuge im Anzuge auf Reppen - Frankfurt, um die Oder zu überschreiten, bevor die Russen heran seien. Irgendwo in oder bei Sternberg sei noch Waffen-SS. Auch ein SS-Stab läge dort in der Nähe, aber Truppen, deutsche Truppen? Nein - viel sei nicht zu gewesen sehen.  

 

Reppen

© Ove Kronborg, 2006

Da die Kampfgruppe am 31. Januar noch nicht mit allen Teilen versammelt ist, wird Einsatz auf den 1. Februar verschoben.

In der Nacht zum 1. Februar stellte Langkeit seine Truppen in zwei Kampfgruppen: Kampfgruppe Hudel und Kampfgruppe Klüver.

Auftrag des Kampfgruppe Hudel:  Über Koritten – Spiegelberg nach Grünow vorzustoßen und Gegner vernichten. Nach Erreichen des ersten Angriffsziels Eindrehen nach Nordosten, um in Flanke des feindliche Versammlungsraums auf Schönow zu stossen.

Auftrag des Kampfgruppe Klüver: Über Grünow auf Neulagow vorzustoßen.

Sogleich werden die bei Reppen ausgestellten Sicherungen des 1. Btl./Pz.Gren.Rgt. eingezogen, das II. Btl./Pz.Gren.Rgt. wird mit 7. Kp. als Spitze auf der Straße zunächst bis Pinnow angesetzt. Auftrag: Durchstoßen bis Sternberg und Befreiung einer Kampfgruppe von Heeres-Teilen und SS-Verbänden aus ihrer Einschließung nördlich Sternberg. Anscheinend handelt es sich um ein dort untergezogenes Generalkommando z. b. unter SS-Obergruppenführer, General der Waffen-SS, Friedrich Wilhelm Krüger.  

Zu diesem Zweck wird die Art.Abt. unter Hptm. Buboltz mit ihren beiden Batterien überschlagend eingesetzt, wobei die 2. Bttr. Lt. Rolke nordwestlich Reppen, die 3. Bttr. - Lt. Esslinger - später bei Pinnow Stellungen beziehen.

Bis Pinnow geht alles klar; die Bataillone ziehen vor, der Gef.-Stand Pz.Gren.Rgt. verlegt nach Pinnow - Gutshof.

Hier werden zwei Kampfgruppen aus dem Regiment gebildet, die motorisiert in Richtung Sternberg antreten sollen. Lediglich die 7. Kp. und je eine Gruppe beider Bataillone verbleiben in Pinnow zur örtlichen Sicherung.

Von Nordosten her ist Infanterie- und Panzer-Feuer zu vernehmen, was auf den Durchbruch der Waffen-SS schließen lässt. Fla-Geschütze der Batterie Künkel gehen bei Pinnow in Stellung.

Oberst Langkeit folgt unmittelbar der Spitze in Richtung Sternberg.  Es ist um die Mittagszeit. Plötzlich tauchen von Nordosten her Feind-Panzer auf und schießen nach Pinnow hinein. Gleich eine das erste Pz.-Granaten trifft das Uhrenhäuschen des Gutshauses, so dass es herunterkracht - fast auf den Kopf von Obstlt. Klüver, der gerade vor das Haus getreten ist. Alarm! Feindpanzer vor Pinnow! Meldung an Oberst Langkeit! Ausgesandte Spähtrupps stellen fest, dass Feind mit Panzern und nachfolgender Infanterie-Kolonnen nördlich Pinnow vorbei in Richtung Reppen zieht! Es geht auf den Abend zu. Vorne bei der Spitze, die am Volkssturm der Ortschaften vorbeifährt, wird endlich Verbindung mit dem eingeschlossenen SS-Gef.-Stand auf­genommen, der in einem Gutshaus bei Kerzenlicht untergezogen ist. Seine Truppen - außer wenigen SS-Einheiten nur Alarmverbände, Volkssturm und RAD - sind weit nach Osten verstreut; aber es steht nicht einmal fest, ob sie dort, wo sie sein sollen, auch wirklich in Stellung sind. Man vermutet das nur. Bei der Aufnahme der Verbindung mit dem Generalkommando der SS wirkt auch eine Jagd-Panzer-Kompanie unter Führung von Oblt. Lützow mit, die aus dem Nichts auftaucht. Oberst Langkeit unterstellt sie sich sofort. Diese Pz.Jgd.Stu.Gesch.Kp. 1551 unter Oblt. Wolf-Dieter Lützow ist dem Oberst nicht ganz unbekannt. Vor Schaulen (Litauen) im Oktober 1944 schlug er diese Kompanie in einer gefährlichen Situation mit seinen Panzern (Pz.Rgt. GD) heraus. Seitdem kennen sich der Oberleutnant und der Oberst. Nun kommen die Kp. aus Milowitz bei Prag, wo sie aufgefrischt worden war. Die Verbindung zur Kampfgruppe Langkeit wird gerade in dem Augenblick hergestellt, als die Lage für die Spitze der Kampfgruppe nicht ganz herrlich ist.  

Inzwischen löst sich der SS-Korps-Stab z. b. General Krüger[1]  aus seiner unerfreulichen Lage und rückt unter dem Schutze der Kampfgruppe Langkeit eilends in Richtung Westen, nach Frankfurt, ab.

Aber auch die vordersten Teile des Pz.Gren.Rgt. werden nun schnell zurückgezogen. Der Plan, weiter in Richtung Sternberg zu ziehen, muss fallen lassen werden, zumal der Feind längt nördlich Pinnow, aber neuerdings auch schon südlich in eiligem Vormarsch auf die Oder zu ist. Sofort verlegt das 1. Btl. unter Major Petereit nach Reppen, dicht gefolgt von dem II. Btl., das um Mitternacht ebenfalls in Reppen ein­trifft. Letzteres bezieht unter dem Schutz dort eingebauter 8,8-cm Flak zum Panzerbeschuss Stellungen am Ortsrand - Blickrichtung Osten und Nordosten. Ebenso macht die nordwestlich Reppen stehende 2. Bttr. Lt. Rolke in den Abendstunden Stellungswechsel nach Neuendorf gerade als die ersten feindlichen Panzergeschosse in Reppen einschlagen. Kampfgruppen-Gefechts-Stand wird in einem Gutshaus in Neubischofsee aufgeschlagen. Es liegt hart nördlich der Straße, an einem Straßenknick. Und diese Straße ist verstopft von sich stauenden Flüchtlingsfahrzeugen, die nach Westen wollen, und den nach Osten vorziehenden Kolonnen der Kampfgruppe Langkeit, die der Befehl zur Rückkehr noch nicht erreicht hatte. Es ist ein wüstes Durcheinander, in das nun die auf den Höhen nördlich der Straße auffahrenden Feind-Panzer - darunter schwerste Josef-Stalin-Panzer - hineinschießen. Kaum sind die ersten Fahrzeuge auf der Straße getroffen und in Brand geraten, da geben diese wie brennende Fackeln das gespenstische Ziel für weitere Granaten aus den Rohren der Feind-Panzer.  

Kein Zweifel: den Feind kümmert nicht so sehr die Kampfgruppe Langkeit auf der Straße Reppen - Kunersdorf; sein Ziel ist die Oder, um dort vor den deutschen Truppen Brückenköpfe zu gewinnen und in einem Zug zugleich bei Frankfurt den Rückzug der noch ostwärts stehenden deutschen Verbände abzuschneiden. Zu diesem Zweck ist er nördlich der Straße Reppen auf den Höhen und in dem panzergünstigen Gelände mit der Masse seiner Panzer, während südlich des Reichs Strasse 167 in dem parallel verlaufenden Waldgelände die Masse seiner Fußtruppen entlangzieht. Das II. Btl./Pz.Gren.Rgt. steht unterdessen mit letzten Teilen in Reppen mit dem dort stationär eingebauten 8,8-cm-Fla-Geschützen und einigem Volkssturm; Die Kampfgruppe Langkeit - mit der Masse ihrer Fahrzeuge auf der Straße in zwei Kolonnen - versucht mit ihrer Spitze verzweifelt, den auf der Straße zwischen Kunersdorf und Neubischofsee sitzenden Gegner zu durchbrechen und die eigenen Fahrzeug­pulks wieder abfließen zu lassen. Die Lage ist mehr als unglücklich. Unendliche Züge von Flüchtlingstrecks, die ebenso wenig wie die Kampfgruppe weiterziehen können, hindern die Bewegungen und das Vorziehen schwerer Waffen an die jetzt nach Südwesten gerichtete Stoß-Spitze. Sie erleiden erhebliche Verluste durch das aus den Wäldern südlich der Strasse immer wieder aufflackernde sowjetische Infanterie-Feuer, wie durch die von Norden her anfliegenden Panzergranaten der T-34 und JS-Panzer. Allerdings gehen diese Panzergranaten nicht nur auf die Straße, sondern auch in den nahen Waldrand hinein. Oftmals ertönt lautes Geschrei der dort entlangziehenden Sowjet-Infanterie, die durch die Granaten der eigenen Panzer getroffen wird. Trotzdem bleibt die Lage für die Kampfgruppe Langkeit sehr gefährlich angesichts der von allen Seiten drohender Vernichtung, ohne die Möglichkeit der Entfaltung der eigenen Abwehrkraft. Oberst Langkeit ist dauernd an der Spitze südwestlich Neu-Bischofsee, zusammen mit Major Rudel und den wenigen Panzern, und versucht verzweifelt, den Gegner dort zu werfen. Hinten am Schluss der Kolonne hocken noch immer die Panzer-Grenadiere in ihren Stellungen in Reppen und müssen des zunehmende feindliche Art.- und granatwerfer-feuer über sich ergehen lassen, das, untermischt mit Panzerfeuer, in die Stellungen und Häuser der Stadt einschlägt. Ein Vorstoß von 10 Feind-Panzern gegen Reppen kann im zusammengefassten Feuer der 8,8-cm-Flak unter Abschuss von einigen Panzern abgeschmiert werden, desgleichen wird ein feindlicher Infanterie-Vorstoß gegen die Stellungen der 6. Kp. -Oblt. Kühne - abgewehrt.

Schließlich erfolgt für die Nacht Befehl an II. Btl./Pz.Gren.Rgt. in Reppen, sich unter Vernichtung der Fahrzeuge abzusetzen und entlang der Straße bis Neu-Bischofsee durchzuschlagen. Dieser an sich wahnwitzige Befehl wird durch die unhaltbare Lage in Reppen und beiderseits der Straße erzwungen, so dass Oberst Langkeit wie sein Ja mit dem Gedanken spielen, die ganze Kampfgruppe zu Fuß durch die Wälder in Richtung Frankfurt durchbrechen zu lassen. Die einzige noch vorhandene Achtrad-Pz.-Spähtrupp (Lt. Kurt Grau, Lt. Kurt Wichmann) wird daraufhin durch den Forst Reppen zur Wegeerkundung angesetzt, entsprechende Befehle werden vorbereitet.

Am 31. Januar 1945 gegen 23.00 Uhr werden in Reppen lautlos die Fahrzeuge wie die schweren Waffen zerstört. Der Marsch wird zu Fuß nach Westen angetreten. Die vorhandenen Batterien der Art.Abt. Buboltz, hart südlich von Neuendorf in Feuerstellung, schießen nach allen Seiten Planfeuer auf Waldwege und Wege-Kreuzungen, beobachtetes Feuer nach Drenzig und in Richtung Kunersdorf, während Lt. Esslinger bereits die Feuer-Leitung bei Neu-Bischofsee aufnimmt und die Durchbruchsversuche auf Kunersdorf zu unterstützen sucht. Die Lage ist verzweifelt. Nachdem die Stalinpanzer von Norden her mehrmals durch das Dach des Gutshauses geschossen hatten, ist der Kampfgruppen-Stab in die Keller gezogen, wo auch die anfallenden Verwundeten versorgt werden.  

Alles hofft noch auf die Wegeerkundungen des Pz.-Spähtrupps Grau und sein Durchkommen nach Frankfurt. Erste Funkmeldungen klingen verheißungsvoll; alles bereitet sich auf den Fußmarsch durch die Wälder vor. Unterdessen werden die Verhältnisse am 1. Februar auf der Reichsstraße 167 zwischen Neuendorf und Neu-Bischofsee immer schwieriger; Die Kolonnen der Verbände verkeilen sich völlig in die Flüchtlingstrecks. Das anhaltende Infanterie-Feuer aus den südlichen Waldrändern steigert die allgemeine Nervosität noch weiter. Panzergranaten fauchen mit hartem Schlag von den Höhen nördlich her über die Straße und schlagen mit hartem Knall in den Wald ein. Feuchter Nieselregen, Nebel und Dunst verdüstere die ganze Gegend.  

Die in den Waldschneisen aufgestellte Flak-Kampftrupps s.MG.­Gruppen und Paks schießen die Waldwege entlang, wenn sie wieder ein Russenhaufen überspringen will.  

Vorne, vor Kunersdorf, werden die bisher erfolglosen Durchbruches Versuche wieder aufgenommen. Panzerknacker von Oberst Rudel tauchen endlich am Himmel auf und hauen mit ihren Bomben und Panzergranaten in die Waldstücke. Endlich, endlich haben auch die draußen etwas von der verzweifelten Lage der Kampfgruppe bemerkt. Die Flugzeuge Rudels bringen den auf der Straße Harrenden etwas Entlastung und ein klein wenig Hoffnung, dass doch noch ein Ausweg Gefunden werde. Währenddessen werden alle schweren Waffen nach vorn gezogen; die Artillerie geht mit ihren beiden Batterien unmittelbar Nordostwerts Neu-Bischofsee in Stellung und eröffnet das Feuer auf die umliegenden Waldstücke. Das II. Btl.JPz.Gren.Rgt. wird zu Fuß nach vorn gezogen, ebenso die Fla-Batterie, soweit sie nicht gegen die Waldränder eingesetzt ist. Im Gutshaus bei Neu-Bischofsee herrscht beim Kampfgruppen-Stab überreizte Nervosität. Der verfluchte Stalin Panzer knallt weiter stur durch das Dach des Hauses. Die Frau des Gutsbesitzers kümmert sich selbst um die hier befindlichen Männer: sie hilft und bereitet Essen, kocht ununterbrochen Kaffee und Suppen. Ihre Tochter zieht von Raum zu Raum, versorgt die im Keller auf Stroh liegenden Verwundeten und spricht ihnen Mut zu.  

Der Kampfgruppen-Kommandeur, Oberst Langkeit, entschließt sich gegen Abend des 2. Februar, alle seine Kommandeure zu einer Besprechung zusammenzurufen. Es muss ein Ausweg gefunden wird - so oder so! Es ist gegen 23.30 Uhr, als alle Kommandeure in einem Holzschuppen versammelt sind. Schweigend hören sie den kurzen Lagebericht des Ia. Major i. G. Spaeter an, der in seinem Inhalt trostlos klingt: überall eingeschlossen! Dazu die Munitionslage. Die Artillerie hat je Rohr gerade noch 2 Granaten! Der Durchbruch scheint unter diesen Umständen ausgeschlossen, es sei denn, man entschließt sich, zu Fuß durch die Wälder zu stoßen, um wenigstens die Menschen zu retten! Der Oberst zitiert den Führer-Befehl: wenn jemand unter den Kommandeuren da sei, der einen besseren Weg wisse als er, so möge er den Befehl und die Führung des Haufens übernehmen! Er habe keine Mittel mehr, aus dieser Lage herauszukommen! Es ist 23.55 Uhr kurz vor Mitternacht. Übernächtigt und schweigend gehen die Führer der Einheiten auseinander. Und doch kommt man schließlich zum Schluss, dass alles daran gesetzt werden müsse, mit Gewalt auf Kunersdorf durchzustoßen. Besser es fallen einige Männer und opfern sich, als dass alles hier unter dem zusammengefassten Feuer der Sowjets draufgeht. Der Kampfgruppen-Kommandeur Oberst Langkeit hat sich die Argumente seiner Kommandeure angehört und gibt nun den Ausbruchsbefehl  klar und sachlich.

Der Angriff soll 3. Februar in den frühesten Morgenstunden entlang der Straße mit den wenigen noch verfügbaren Panzern von Major Hudel erfolgen. Doch der Versuch misslingt. Das 1. Btl./Pz.Gren.Rgt. unter Major Petereit greift daraufhin erneut rechts der Straße (nach NW) in den Wald hinein an, um den dort immer wieder flankierend wirkenden Gegner zum Schweigen zu bringen. In schwerem Nahkampf gelingt es Petereit, sich dort mit seinen Männern festzusetzen, das Waldstück zu säubern und damit die Flankierung auszuschalten. Die Hetzer der Jagdpanzer-Kompanie werden nun nach vorn gezogen, Hudel greift ebenfalls entlang der Straße an und endlich, endlich gegen 14.00 Uhr ist der Gegner geworfen. Die ersten Fahrzeuge an der Spitze der Kolonne fahren, den Panzern folgend auf Kunersdorf zu. Dort kommt es an einem Panzer-Riegel der Sowjets noch einmal zu einem kurzen Feuergefecht, bei dem sich Feldwebel Riedmüller durch Abschuss von 4 T-34 besonders auszeichnet. Als er mit seinem Hetzer die anderen T-34 wegen des ungünstigen Geländes nicht erreichen kann, steigt er kurz entschlossen aus seinem Panzer und vernichtet zwei weitere mit der Panzer-Faust. Für diese Tat wird er mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Immer mehr Fahrzeuge rollen nun durch Kunersdorf, am Flugplatz vorbei in die Vorstadt Frankfurts ein.

Das II. Btl./Pz.Gren.Rgt. bezieht zunächst Flankenstellungen in Kunersdorf, während die Artillerie sofort Stellungswechsel bis an die ersten Häuser Frankfurts macht, um von dort aus den Bewegungen artilleristisch zu überwachen. Die Masse der Kampfgruppe Langkeit jedoch zieht zunächst in der Damm-Vorstadt Frankfurt unter, gliedert neu, sammelt und verlegt dann auf das West-Ufer in die Kasernen an der Ausfall-Straße nach Westen. Lediglich das II. BtL/Pz.Gren.Rgt., die Art.Abt. Buboltz, die 11. (IG.) Kp. Verbleiben noch auf dem Ostufer der Stadt und halten einen Brückenkopf um die Damm-Vorstadt, die laufend ihre Verstärkung durch Festungstruppen aus Frankfurt erhält.  

4. Februar um 02.00 Uhr haben die letzten Teile der Nachhut Kunersdorf durchschritten.

  

 

 

 

Ehemaliger Fliegerhorst Kunersdorf

 

 

Foto: © Ove Kronborg, 2006

 

Das II. Btl./Pz.Gren.Rgt. wird am Flugplatz Kunersdorf in schwere Kämpfe verwickelt, bei denen Major Schöttler verwundet wird. Hptm. Windeck, bisher Führer der Btl.Vers.Kp., übernimmt der Führung. Gerade diese Kämpfe im Brückenkopf Frankfurt, die in den ersten Tagen nur von den Männern des II. Btl./Pz.Gren.Rgt. zusammen mit einer Kompanie kroatischer Gebirgsjäger der 7. SS-Freiwilligen Gebirgs-Division Prinz Eugen und Unterstützung der 11. (IG.) Kp./ Pz.Gren.Rgt. und der Art.Abt. ausgetragen werden, verhindern einmal die überraschende Wegnahme des Brückenkopfes Damm-Vorstadt durch die Sowjets, zum anderen schaffen sie die Möglichkeit, diesen Brückenkopf zu verstärken und schließlich bis Mitte April 1945 zu halten, zum dritten geben sie der Kampfgruppe Gelegenheit zur Auf­frischung und Neu-Ordnung. Die Verluste dieses Bataillons, das wiederholt in den Wehrmachtsberichten anerkennend genannt wird, sind im Verhältnis hoch, auch an Vermissten; u. a. sind Oblt. Kühne, Chef 6. Kp. und einige Gruppen der gleichen Kompanie darunter.  

Laut dem Gefechtsbericht von Langkeit wurden dem Gegner

   
 

73 Panzer

27 PaK

mehrere s.MG

24 mot. Fahrzeuge

1 "Stalinorgel"

 

 
vernichtet und hohe blutige Verluste beigebracht.    

[1] Brief ab 8.10.2006 von seinem Sohn Joachim Krüger


Quellen:

Major i. G. Helmuth Spaeter, Ia (Operationsoffizier) in  der Kampfgruppe Langkeit

Dr. Gerd-Ulrich Herrmann, Leiter der Gedenkstätte Seelow

Gespräche mit ehem. Soldaten, Zivile Zeitzeugen, Tagebücher, Briefe, umfangsreiche Archivstudien, u. div. Literatur.

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